Anlegerschützer22. Juni 2010 | 12:28 | Lesedauer ca. 11 min | Autor: GoMoPa-Redakteur AJ

Was steckt hinter der Studie “Anlegerschützer zwischen Dichtung und Wahrheit”?


20.000 Euro soll sie gekostet haben. Doch weder das Salär noch der glanzvolle Rahmen des Steigenberger Hotels Frankfurter Hof konnten am 10. Juni 2010 über die miserable Qualität einer wissenschaftlichen Studie hinwegtäuschen, die dort auf einer Pressekonferenz zum eigentlich wichtigen Thema Anlegerschutz präsentiert wurde. Das Motiv für die Studie “Anlegerschützer zwischen Dichtung und Wahrheit” dürfte allerdings weniger im Anlegerschutz liegen, sondern vielmehr im Konkurrenzkampf um Finanzprüfsiegel, Goldhandelsclaims und Vorteile im Immobilienvertrieb. Alles Dinge, die in der Studie angeprangert werden, aber vom Studienauftraggeber selbst praktiziert werden, wie ein Blick hinter die Kulissen zeigt.

 

Verfasser ist der bei Journalisten, die mal schnell zu einem Thema eine Expertenmeinung brauchen, sehr beliebte “Multi-Finanz-Experte” und pensionierte Mathematiklehrer an einer Erwachsenenweiterbildungs-Schule Werner Siepe (68) aus Erkrath in NRW, der nach eigener Darstellung auch als freier Berater der Stiftung Warentest auftritt.

Auftraggeber der Studie und Einladender zur Pressekonferenz war der Geschäftsführer der VERS Versicherungsberater Gesellschaft mbH aus Berlin-Reinickendorf, Hans-Herrmann Lüschen, den man an Berliner Gerichten als Rechtsbeistand in Versicherungsstreitigkeiten auf Honorarbasis (119 Euro die Stunde) kennt und der ansonsten eine eigens entwickelte Software über seinen Oldenburger VERS-Vertrieb verkauft (299 Jahresgebühr), mit der man alte Versicherungsbedingungen mit neuen vergleichen kann. Laut Wirtschaftsbilanzen laufen die Geschäfte eher schlecht als recht, woraus sich die Frage stellt, wovon Lüschen die “Studie” eigentlich bezahlt hat?

Die Studie ist 45 Seiten lang. Eine konkrete wissenschaftliche Fragestellung gibt es nicht, demzufolge auch keine stimmig zusammengetragenen Fakten. Die Studie gleicht einem schnell zusammengestoppelten Rundumschlag, bei der so genannte Anlegerschützer ihr Fett abkriegen. “Die Studie deckt die wahren Interessen bei bestimmten Anlegerschutzorganisationen auf und nennt dabei Ross und Reiter”, schrieb Lüschen in der Einladung. Das weckte hohe Erwartungen, die allerdings mehr als enttäuscht wurden.

Viel Neues ist der Studie nicht zu entnehmen. Der Finanznachrichtendienst GoMoPa.net berichtet schon seit langem und öfter beispielsweise über die Praktiken des “Direkten Anlegerschutzes” von Heinz Gerlach (64) aus Oberursel in Hessen (gutes Rating gibt es garantiert bei einer Prospektvoruntersuchung für 12.500 Euro). Oder den Bund der Sparer aus Weilheim in Bayern, der übrigens genauso wie Studienauftraggeber Lüschen eine Vermittler-Software vertreibt, allerdings jeden, der nicht zahlt, auf eine öffentliche Warnliste setzt: “Berater ohne Empfehlung”.

GoMoPa.net berichtete auch schon über den in der Studie vorkommenden Bund der Verbraucher aus München, dessen Gründer Verbraucherschützer Heinz Köller (60) mit Hilfe seines Vereins außerhalb der Börse und völlig ohne Banken eine angebliche Super-Anlagemöglichkeit verkauft. 200 Millionen US-Dollar will Köller bis zum Jahre 2018 von deutschen Anlegern für seine neue Firma Serve Advance Incorporation mit Sitz in Oregon (USA) einsammeln. Die Projekte seien innovativ. Doch in Wirklichkeit sind sie alt und, wie im Falle von Nicstic, einer rauchlosen Zigarette, ein Fall für den Staatsanwalt.

GoMoPa.net ist kein Anlegerschützer, sondern ein Finanznachrichtendienst

Insofern mag Werner Siepe bei manchen seiner Beispiele ins Schwarze getroffen haben. Aber völlig neu und überraschend war seine Behauptung, dass GoMoPa.net ein Anlegerschützer sei. Siepe widmet GoMoPa.net in der Studie ein ganzes Kapitel und nahm als Aufhänger für eine angebliche dubiose Praxis die Meldung von GoMoPa.net, dass der am 18. Februar 2010 in Florida verhaftete deutsche mutmaßliche Scheinfirmengründer Michael Olaf Schütt (28), der über sein Firmengeflecht illegale Wettgewinne in den USA ausgezahlt haben soll, in seinem Geständnis die Vorstände des deutschen Bezahldienstes Wirecard AG aus Grasbrunn bei München als Auftraggeber belastet habe.

Zwar wurde die Wirecard AG tatsächlich bei einer deutschen Staatsanwaltschaft wegen Geldwäscheverdachts angezeigt, und auch die Kontoauszüge aus der Anklageschrift des FBI gegen den Verhafteten belegten, dass die Wirecard AG an die Firmen des Verhafteten Zahlungen geleistet hatte, aber, dass der Verhaftete die Wirecard zusätzlich auch noch persönlich belastete, war eine Falschinformation, die GoMoPa.net nicht genügend gegengecheckt hatte. Ein schlampiger Arbeitsfehler eines Redakteurs. Doch weder der Redakteur noch das Unternehmen GoMoPa.net hatten irgendeinen Vorteil von einer Kursschwankung der Wirecard AG an der Frankfurter Börse – die mitnichten 30 Prozent ausmachte, wie Siepe “recherchiert” haben will.

Wie kommt nun Lüschen dazu, GoMoPa.net als Anlegerschützer darzustellen, obwohl GoMoPa.net definitv keine Anlegerschutzorganisation ist, sondern schon immer ein kommerzielles Unternehmen war, wie im Übrigen jedes andere Unternehmen aus der Medienbranche auch? Die Besonderheit beim Finanznachrichtendienst GoMoPa.net besteht darin, dass die Verbreitung von Nachrichten nur ein Nebenprodukt der eigentlichen Arbeit ist. Diese besteht darin, für vermögende Klienten gegen Honorar Informationen über Chancen und Risiken von Investitionen und Personen auf dem Finanzmarkt zu beschaffen.

GoMoPa.net beschafft Insiderinformationen und überprüft dabei auch Finanzprodukte und klopft deren Anbieter ab. Die Besitzerin des inzwischen verbotenen Schwabenland-Büros (Schnellballsystem), Christl Bludau (35), sagte gegenüber GoMoPa.net: “Wer den GoMoPa.net-Test überstanden hat, der hat auf dem Markt einen guten Leumund.” Das Schwabenland-Büro wurde von GoMoPa.net von Anfang an als Betrug entlarvt, es wurde von der BaFin geschlossen. Die GoMoPa.net-Leser konnten diese und andere Nachrichten gegen ein Honorar (Jahresabo) lesen. Aber deshalb ist GoMoPa.net keine Anlegerschutzorganisation.

GoMoPa.net ist scheinbar ein Konkurrent für den Studien-Auftraggeber

Aber GoMoPa.net ist scheinbar ein Konkurrent für die VERS Versicherungs mbH. Genauso wie die VERS Versicherungs mbH auf Honorar-Basis Klienten berät, tut das auch GoMoPa.net. Und was hat das nun mit den Anlegerschutzvereinen zu tun, die Lüschen in der Studie angreifen ließ?

Es gibt bei aller Verschiedenheit der in der Studie Aufgeführten eine Gemeinsamkeit: Alle bemühen sich auf die eine oder andere Art um ein Prüfsiegel für Finanzprodukte oder checken diese zumindest. Auf GoMoPa.net gibt es zum Beispiel eine Warnliste vor dubiosen Anbietern und Finanzprodukten. Und da scheint für den Rundumschlag von Lüschen gegen alle Konkurrenten der erste Hase im Pfeffer zu liegen.

Lüschens Motiv Nummer 1: Sein Finanz-Siegel-Verein VSAV

Um diesen Umstand zu verstehen, muss man wissen, dass Lüschen nicht nur ein einfacher unabhängiger Honorarberater ist, wie er sich bei VERS darstellt. Lüschen ist Mitglied und Beirat in dem hochkommerziellen Verein VSAV e.V. aus Schwaigern in Baden-Württemberg. Ausgeschrieben heißt der Verein “Vereinigung zum Schutz für Anlage- und Versicherungsvermittler”. Ab 675 Euro verkauft der Verein hauseigene Produkte, die in Kooperation mit der Firma Ralf W. Barth GmbH für Vermittler von Versicherungen und Finanzanlagen erstellt werden. Unter den Produkten sind Vermögenshaftpflichtversicherungen für Vermittler, Manager, Geschäftsführer und Vorstände oder Prospekthaftungen für Emissionshäuser von Investmentfonds. Im Produktenetzwerk sind nach Vereinsangaben 56 Partner, darunter die Alpha Konzept GmbH aus Stuttgart, eine Tochter der AFB Group aus der Schweiz, die steueroptimierte Anlagestrategien und Depots bei einer Schweizer Bank anbietet und mit Swiss-Life und Fortuna Leben in Vaduz im Fürstentum Liechtenstein zusammenarbeitet. Vertriebler Ralf W. Barth wiederum ist Gründer und Vorstandsvorsitzender des Anlagevermittlerschutzvereins VSAV mit Lüschen im Beirat.

Lüschen ist für wichtige strategische Anliegen des Vereins verantwortlich. Im Beirat laufen laut Vereinsdarstellung alle Fäden zusammen. Auf der Mitgliederversammlung am 4. Juli 2008 im Hotel Nestor in Neckarsulm, bei der Lüschen um 10.30 Uhr erschien, musste der Verein die Weichen zu dessen eigener Rettung und zur Rettung seiner Mitglieder stellen. Wie aus dem Protokoll der Versammlung hervorgeht, wurde ein Mitgliederschwund von 100 Vermittlern beklagt, die wohl alle Pleite gingen (Berufsaufgabe). Als Konsequenz aus dieser Entwicklung vermerkt das Protokoll: “Zielgruppe des VSAV sind qualifizierte Vermittler, die am Markt überleben. Der VSAV kann/soll als Gütesiegel dienen.

Fazit: Herr Lüschen als unabhängiger Versicherungsberater will also ein Gütesiegel für den Vertrieb von Finanzprodukten wie Investmentfonds und Versicherungen an den Mann bringen. Das Siegel ist sein Verein VSAV, der wohl gemerkt als Vertriebsplattform für hauseigene Produkte dient. Da es aber schon genügend Vereins-Gütesiegel für Vermittler und Finanzprodukte gibt, versuchte es Lüschen jetzt mal mit einem Rundumschlag gegen alle Finanzbewerter. Denn der VSAV hat sich vorgenommen, seine zahlende Mitgliederzahl von 367 im Jahre 2008 auf 1.020 bis Jahresende 2010 zu erhöhen.

Das nun im Gerangel um das einzig wahre Gütesiegel im ganzen Lande eines der Hauptmotive für die Lüschen-Studie liegt, bezeugen in der Studie die Auseinandersetzung mit den Empfehlungssiegeln der Anlegerschutz-Vereine, der Hinweis auf das gescheiterte Siegel “Ampelcheck Geldanlage” der Verbraucherzentrale Hamburg im August 2009 sowie der Hinweis auf die Forderung von Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner, deren Ministerium seit 2009 mehrere Initiativen zur Verbesserung des Anlegerschutzes gestartet hat und zum Beispiel mit der Verbraucherzentrale Düsseldorf eine Checkliste Finanzberatung entwickelt hat. Gütesiegel und Finanzchecks ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Studie.

Lüschens Motiv Nummer 2: Er wettert gegen Goldhändler und ist selbst einer

Lüschen geht es mit der Studie offensichtlich auch darum, sich noch auf einem zweiten Feld einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Das sieht man am Beispiel des Goldhändlers MIDA, gegen den Lüschen unbegründete Verdachtskamellen aus der Mottenkiste holen ließ.

Lüschen warf GoMoPa.net in der Studie vor, dass die Potsdamer Edelmetallhandelsfirma MIDA auf der Internetseite von GoMoPa.net für einen Goldshop Werbung macht. MIDA wurde vor einem Jahr von einer Berliner Bank wegen Geldwäscheverdachts angezeigt. Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft hat das Verfahren als unbegründet eingestellt. Dass sich Lüschen an der MIDA-Werbung auf GoMoPa.net stört, liegt allerdings auf der Hand. Denn der MIDA-Goldhändler aus Potsdam ist ein direkter Konkurrent von Lüschen. Lüschen ist einer von 381 Edelmetallberatern der MG Marketing GmbH aus Nürnberg, auf deren Internetseite Edelmetallberater.net sich Lüschen als qualifizierter Goldverkäufer und Goldberater präsentiert.

Lüschens Motiv Nummer 3: Rache für den Estavis-Rauswurf eines VSAV-Immobilienvertriebs

Motiv Nummer drei dürfte für Lüschen neben der Konkurrenz bei Finanzgütesiegeln und im Goldhandel auch noch eine Konkurrenz im Bereich von Immobilienvertrieben sein. Auf Seite 32 der Studie lässt Lüschen gegen die Tatsache wettern, dass das Immobilien-Investmenthaus Estavis AG aus Berlin ein Klient von GoMoPa.net ist.

Diese Kritik ist allerdings alles andere als ein Zufall. Zu den Vertrieben der Estavis AG gehörte früher einmal eine Firma namens Salesmax AG aus Berlin. Estavis hat die Salesmax AG samt ihrer Partnerfirma, der CWI Real Estate AG aus Bayreuth in Bayern, aus bestimmten Gründen abgestoßen.

Die Salesmax AG nun wiederum ist Mitglied in der VSAV, genau dem Verein für Versicherungs- und Anlageberater, bei dem der Versicherungskaufmann Lüschen Beirat ist. Mit seiner Firma VERS hat Lüschen nun das Gutachten von Werner Siepe in Auftrag gegeben.

Professor Loritz über Siepe: “Methoden halten wissenschaftlicher Nachprüfung nicht stand”



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Dokument zum Thema
» Siepe-Studie vom 10.6.2010
» Protokoll Mitgliederversammlung VSAV vom 4.7.2008

Beitrag zum Thema
» EV und Strafanzeige gegen Siepe

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