Die Kreuzberger Bezirksverordneten haben dem österreichischen Immobilienmogul Rene Benko (43) aus Innsbruck, dem unter anderem das Kaufhaus des Westens KaDeWe in Berlin oder auch das Goldene Quartier in Wien gehört, vor gut einem Jahr einen Korb gegeben.

 

Benko will das alte Galeria Karstadt Kaufhof am Hermannplatz in Kreuzberg abreißen und ein neues bauen. Diesmal zusätzlich mit Büros und Wohnungen.

Um das grünregierte Kreuzberg, dem das Land, auf dem das Karstadtgebäude steht, gehört, doch noch umzustimmen, ludt sein Deutschlandchef Timo Herzberg am 30. September 2020 Vertreter aus Politik und Wirtschaft zu einer Podiumsdiskussion über die Neubaupläne ins Kaufhaus ein.

 

Karstadt am Hermannplatz in Kreuzberg zur Grenze nach Neukölln (links) © google streetview vom Juni 2008Karstadt am Hermannplatz in Kreuzberg zur Grenze nach Neukölln (links) © google streetview vom Jun ... mehrKarstadt am Hermannplatz in Kreuzberg zur Grenze nach Neukölln (links) © google streetview vom Juni 2008

 

“Heute ist ein guter Tag!”, sagte Herzberg gleich zu Beginn der Veranstaltung, die im Restaurant im vierten Obergeschoss des Warenhauses stattfand.

Der Grund für die Freude des Managers: Wenige Stunden zuvor hatte das Amtsgericht Essen die Insolvenzverfahren für den Warenhauskonzern und seine Tochterunternehmen Karstadt Sport, Karstadt Feinkost, Le Buffet und Dinea aufgehoben. Herzberg sagte am Abend, dass für alle verbleibenden Karstadt-Filialen bereits Mietverträge abgeschlossen seien.

Herzberg:

Galeria Karstadt Kaufhof kann ab morgen schuldenfrei in die Zukunft blicken.

Die Gläubiger hatten zuvor den von der Unternehmensführung ausgearbeiteten Insolvenzplänen zugestimmt und damit auf Forderungen in Höhe von mehr als zwei Milliarden Euro verzichtet.

Für Tausende Mitarbeiter bedeutet die Neuaufstellung allerdings den Verlust ihrer Arbeitsplätze. Denn die Sanierungspläne sehen deutschlandweit die Schließung von mehr als 40 Warenhäusern vor. Das betrifft in Berlin auch Karstadt Sports am Bahnhof Zoo in Charlottenburg, außerdem die Galeria-Kaufhof-Filialen im Linden-Center in Hohenschönhausen und in den Gropius-Passagen in Neukölln.

Das Kaufhaus am Hermannplatz sei in seiner jetzigen Form nun einmal nicht zukunftsfähig, ein Neubau unausweichlich.

In letzter Zeit investiert Benkos Firma Signa Retail (Handel) vermehrt in Firmen aus teils sehr unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen. Die Spanne reicht vom Logistikunternehmen Fiege-X-Log über den Vertreiber von Luxuskonsumgütern Eataly bis hin zum Reiseanbieter Thomas Cook.

Zusammen mit der Investition in das Immobilienanalyse-Start-Up realxdata, dem Kauf des Online-Marktplatzes Hood.de und der Kooperation mit Amazon wird das langfristige Ziel von Signa deutlich:

Der Konzern ist dabei, analogen und digitalen Handel inklusive eigener Distributionswege zu kombinieren und so einen “Marktplatz der Zukunft” zu entwickeln.

Der Vorstandsvorsitzende der Galeria Karstadt Kaufhof GmbH, Stephan Fanderl:

So entsteht eine einzigartige Möglichkeit für stationäre als auch reine Online-Konzepte, gemeinsam mit Karstadt Warenhaus das innerstädtische Flächenangebot bedarfsorientiert zu nutzen und somit noch näher am Kunden zu sein.

In Wolfsburg ist die Signa Real Estate dabei schon einen Schritt weiter.

 

Denn sie baut in enger Kooperation mit VW nicht nur ein Gebäude, sondern das gesamte Stadtviertel Nordkopf zu einem Marktplatz um. Konzerne sind dort dann nicht nur näher bei ihren Kunden, sondern Menschen leben als Kunden von Konzernen in “Mischquartieren mit flexibler Nutzung, in denen Angebote für Wohnen, Arbeiten und Leben verschmelzen [und] die funktionale Trennung von Standorten nach Nutzungsarten an Bedeutung verliert”, wie es in einer Projektbeschreibung des Konzerns heißt.

Letztendlich bedeutet das, dass die Trennung von Wohnort und Arbeitsplatz, von Freizeit und Arbeit, von privatem und öffentlichem Raum komplett aufgehoben wird. Die Stadt wird endgültig zur Fabrik, in der jede Interaktion, jeder Gegenstand und jeder Raum von den Verwertungsinteressen der Konzerne bestimmt und diesen unterworfen sind.

Wie aktuell sichtbar, kann das als Immobilienkonzern auch bedeuten, Filialen zu schließen, das Gebäude an andere Firmen zu vermieten oder gar ganz zu verkaufen.

Benkos Investmentfirma Signa-Gruppe hatte sich beim Berliner Senat mit der Androhung, dass Arbeitsplätze wegfallen könnten, Rückendeckung geholt: